Es gibt Momente, da frage ich mich, wer ich ohne meine Worte wäre. Nicht die, die ich spreche – sondern die, die ich schreibe. Gesprochene Worte vergehen, lösen sich auf, verschwinden im Rauschen des Alltags. Geschriebene Worte aber bleiben. Sie sind wie ein Spiegel, der mir zeigt, wer ich bin, auch wenn ich oft zögere, wirklich hinzusehen. Worte haben immer eine andere Bedeutung, wenn sie schwarz auf weiß vor mir liegen. Sie sind das, was bleibt, wenn ich mich selbst nicht greifen kann.
Schreiben ist kein Handwerk, das ich gelernt habe, es ist ein Teil von mir, der immer da war. Mein Weg als Autor begann nicht mit einem bewussten Entschluss. Es gab keinen Moment, in dem ich entschied: „Jetzt schreibe ich ein Buch.“ Es war eher ein ständiger Drang, eine Unruhe, die mich dazu trieb, Stift und Papier zu suchen. Es fühlte sich an wie ein Knoten in meiner Brust, ein unentwirrbares Chaos, das nur durch Worte gelöst werden konnte. Schreiben war nie ein Hobby, nie etwas, das ich tat, weil ich Zeit hatte. Es war Überleben.
Manchmal frage ich mich, wie ich ohne das Schreiben all die stürmischen Gedanken, all die Ängste und Gefühle hätte ertragen können. Es war das Schreiben, das mir half, einen Weg durch mein Inneres zu finden, als alles um mich herum stillstand oder zu laut wurde. Die Worte waren da, als ich niemanden hatte, der zuhörte. Sie waren da, als ich mich selbst nicht verstand. Und sie waren da, als die Welt mir zu groß, zu schwer erschien.
Mein erster Zufluchtsort
Mein erstes Manuskript begann nicht mit einer klaren Idee. Es begann, als ich kaum alt genug war, um die Tragweite meiner Gedanken zu verstehen. Ich war 13, vielleicht 14, und mein Kopf war ein unaufhörlicher Sturm aus Bildern, Fragen und Gefühlen, die ich nicht in Worte fassen konnte – zumindest nicht laut. Schreiben wurde zu meinem Rückzugsort, lange bevor ich wirklich wusste, was ich damit anfangen wollte. Damals waren es keine Geschichten für andere, sondern Botschaften an mich selbst. Worte, die ich auf Papier brachte, weil ich spürte, dass sie irgendwohin mussten.
Mein Zuhause war ein Baumstamm, weit im Wald versteckt. Es war kein gewöhnlicher Platz, sondern ein Stück Erde, das nur mir gehörte – zumindest fühlte es sich so an. Der Baumstamm lag vor einer kleinen, dichten Ansammlung von Nadelbäumen, die wie ein natürlicher Vorhang zwischen mir und der Welt standen. Dort saß ich, fast täglich nach der Schule, oft für Stunden. Ohne Musik, ohne Ablenkung, nur ich und die Stille. Es war ein seltsames Gefühl, als kleiner Junge in den Wald zu blicken, der sich vor mir wie eine unendliche Dunkelheit ausbreitete. Diese Mischung aus Faszination und einer leichten, fast ehrfürchtigen Angst hielt mich gefangen – aber auf eine Weise, die mich beruhigte.
Ich erinnere mich noch an die ersten Seiten meines Notizbuches. Die Worte standen dort wie gestrandete Inseln – ‘Anstrengend’, ‘Angst’, ‘Leere’. Sie waren roh, brüchig und allein. Doch mit der Zeit begannen sie sich zu verbinden, wie kleine Lichtpunkte in einem sonst dunklen Raum. Es fühlte sich an, als würde ich durch das Schreiben einen Weg durch meine eigenen Gedanken schlagen. Manche Sätze las ich später und fragte mich, wie sie aus mir heraus entstanden waren, aber sie waren da, schwarz auf weiß, wie ein Beweis meiner inneren Kämpfe und Sehnsüchte
Der Wald hörte nie zu, urteilte nie, und doch war er immer da. Es war, als hätte er meine Gedanken getragen, ohne sie zu bewerten, und als würde die Stille zwischen den Bäumen meinen wirren Gefühlen einen Platz geben. Aus diesen Bruchstücken entstanden langsam Sätze, Sprüche, Gedanken, die mehr sagten, als ich selbst verstand. Einer der ersten, der über die Jahre immer wieder angepasst wurde, lautete:
„Deine Worte waren meine Zuflucht, jetzt sind sie meine Qual.“
Damals waren diese Worte ein Echo meiner inneren Zerrissenheit. Manchmal frage ich mich, ob ich diese Worte heute noch genauso schreiben würde. Sie bedeuten mir noch immer viel, aber ich sehe sie anders. Damals waren sie ein Schrei nach Halt, eine Brücke zwischen der Verzweiflung und dem Trost, den ich suchte. Heute sehe ich in ihnen auch Stärke, eine Erinnerung daran, wie weit ich gekommen bin – und dass Worte nicht nur Zuflucht, sondern auch Kraft sein können.
Die Jahre vergingen, aber mein Baumstamm und mein Notizbuch blieben. Sie waren Zeugen meiner stillen Kämpfe, meiner Zweifel, aber auch meiner ersten Schritte in eine Welt, die nur aus Worten bestand. Es war nicht wichtig, ob diese Worte jemand lesen würde. Sie waren für mich, nur für mich.
Doch dann, eines Tages, war ich nicht mehr dort. Monate vergingen, in denen mein Baumstamm allein blieb, und ich mich in anderen Dingen verlor. Als ich schließlich zurückkehrte, war es, als hätte mir jemand die Luft genommen. Die dichten, nebulösen Nadelbäume, die meinen Platz umgaben, waren verschwunden. Nur noch kahle Baumstümpfe, verstreut wie Narben im Moos. Baggerspuren zogen sich durch den Boden, wo einst das weiche Grün des Waldes lag. Mein Zuhause, mein stiller Hafen, war zerstört.

Ich stand dort und spürte, wie eine Leere in mir aufstieg, die ich nicht beschreiben konnte. Es war, als hätte man mir ein Stück von mir selbst genommen. Mein Ort, der mich durch so viele schwere Momente getragen hatte, existierte nicht mehr. Der Wald, der mir Trost gespendet und mich in meinen dunkelsten Gedanken gehalten hatte, war jetzt nichts weiter als eine zerstörte Landschaft. Ich war am Boden zerstört.
An diesem Tag wurde mir bewusst, wie zerbrechlich selbst die sichersten Orte sein können. Der Wald, der mir so lange Schutz und Trost gespendet hatte, existierte nicht mehr in der Form, wie ich ihn kannte. Es fühlte sich an, als hätte jemand die Verbindung zu einem Teil von mir durchtrennt. Ohne den Baumstamm, ohne die Nadelbäume, ohne die Stille, die wie ein Schutzschild um mich lag, war ich plötzlich verloren. Doch dann begriff ich etwas Entscheidendes: Der Ort, der mich gehalten hatte, war nicht nur der Wald. Es war auch das, was ich dort tat. Es war das Schreiben.
Das Schreiben wurde mein neuer Rückzugsort, mein Zuhause, als der Wald mir genommen wurde. Es war kein Ort aus Moos und Schatten mehr, sondern ein Ort aus Worten, den niemand mir nehmen konnte. Mit jedem Satz, den ich schrieb, baute ich mir einen neuen Raum, eine neue Zuflucht – und vielleicht auch eine neue Version von mir selbst.
Heute ist es trotzdem merkwürdig, sich selbst als Autor zu bezeichnen. Es fühlt sich immer noch ungewohnt an, als würde ich mir einen Mantel umlegen, der nicht ganz passt. Aber vielleicht ist das genau der Punkt: Schreiben bedeutet, ständig in andere Rollen zu schlüpfen, um deine eigene zu finden. Es bedeutet, sich in Worte zu kleiden, um das auszudrücken, was im Alltag keinen Platz findet.
Zwischen Worten und Wirklichkeit liegt meine Wahrheit. Die Wahrheit, dass ich ohne das Schreiben nicht der Mensch wäre, der ich heute bin. Vielleicht ist das Schreiben meine Art, mit der Welt zu sprechen – oder vielleicht meine Art, mich selbst zu verstehen. Es ist das Band, das mich mit anderen verbindet, aber auch das Seil, das mich aus meiner Dunkelheit zieht.
Ich bin nicht nur ein Autor, ich bin ein Suchender. Und vielleicht sind meine Worte die Fußspuren, die ich hinterlasse, während ich herausfinde, wer ich wirklich bin.
Mit diesem Blog beginne ich ein neues Kapitel neben meinem Buch. Es fühlt sich aufregend und ungewohnt an, meine Gedanken hier zu teilen – Worte, die bisher nur für mich waren. Aber genau das macht diesen Blog so besonders: eine Möglichkeit, nicht nur mein Buch, sondern auch die Gedanken dahinter näherzubringen.
Ich freue mich, diesen Weg mit euch zu gehen und bin gespannt auf eure Gedanken. Was bedeuten Worte für euch? Welche Rolle spielen sie in eurem Leben? Schreibt es mir gerne in die Kommentare, ich freue mich darauf, mit euch ins Gespräch zu kommen.
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